Die Assassinen


Ein Wanderwisch in der ersten Häl-
fte des 12. Jahrhunderts besagte:

Das Haschisch ist es, das dem Verstand Erleuchtung bringt. Zum Esel wird, wer es wie Futter verschlingt. Iß von ihm nur ein Korn, damit es goldgleich das ganze Sein eines Daseins durchdringt.


...als Marco Polo im Jahre 1295 von seiner langen Reise durch Asien zurückkehrte, wußte er seinen staunenden und ungläubigen Zuhörern, auch vom "Alten vom Berge" zu berichten. Seine Geschichte war so märchenhaft, wie er sie selbst gehört haben mag, sie ist es wert, wiedergegeben zu werden:

Der Alte vom Berge, sein Palast und seine Gärten, seine Gefangenschaft und sein Tod.

Nun soll über den Alten vom Berge berichtet werden. Die Landschaft, in der seine Residenz lag, erhielt den Namen Muhelet, was in der Sprache der Sarazen "Ort der Ketzer" bedeutet; sein Volk aber wurde Muheletites - das heißt "Anhänger des ketzerischen Glaubens" - genannt. Die folgende Erzählung über diesen Fürsten versichert Marco Polo, von verschiedenen Personen gehört zu haben: Er heißt Aloeddin, und seine Religion war die Mo-hammeds. Er hatte in einem schönen, von zwei Bergen umschlossenen Tal einen überaus herrlichen Garten anle-gen lassen, in dem die köstlichsten Früchte und die duftigsten Blumen, die man sich nur denken kann, gediehen. Paläste von mannigfacher Größe und Gestalt waren auf verschiedenen Terrassen übereinander gebaut, geschmückt mit goldenen Schildern, Gemälden und reichen Seidenstoffen. In diesen Gebäuden waren viel Springbrunnen mit klarem, frischem Wasser zu sehen; an anderen Orten wiederum flossen ganze Bäche von Wein, Milch und Honig. In den Palästen hielten sich die schönsten Mädchen auf; sie waren in den Künsten des Gesanges erfahren, konnten auf verschiedenen Musikinstrumenten spielen, tanzten wunderbar und verstanden sich auf alle Vergnügungen und unterhaltenden Spiele. Geschmückt mit kostbaren Kleidern wanderten sie durch die kostbaren Gärten und erfüllten die Pavillons mit Lust und Seligkeit. Diesen herrlichen Garten aber hatte der Fürst nicht ohne eine besondere Absicht anlegen lassen. Mohammed hatte nämlich denen, die seine Gebote befolgten, die Freuden des Paradieses versprochen, wo man in Gesellschaft schöner Frauen jede Art sinnlichen Genusses finden sollte. Nun wollte der Fürst bei seinen Anhängern den Glauben verbreiten, daß auch er dem Mohammed ebenbürtiger Prophet wäre und die Gewalt habe seinen Günstlingen Einlaß ins Paradies zu verschaffen. Damit aber niemand ohne seine Genehmigung den Weg in dieses köstliche Tal finden könne, ließ er am Eingang desselben ein festes uneinnehmbares Schloß errichten, in das man nur auf geheimen Wegen gelangen konnte. Auch hielt der Fürst an seinem Hof eine Zahl zwölf- bis zwanzigjähriger Jünglinge, die er aus denjenigen Einwohnern der benachbarten Gebirge ausgewählt hatte, die kriegerisch veranlagt waren und besonders verwegen zu sein schienen. Diesen er-zählte er täglich von dem vom Propheten verkündeten Paradies und von seiner eigenen Macht, sie in dasselbe einzuführen: Von Zeit zu Zeit aber ließ er ihnen dann Schlafmittel einflößen und sie, wenn sie in todesähnlichen Schlaf versunken waren, in die verschiedenen Paläste seines Gartens bringen. Wenn sie nun aus diesem tiefen Schlummer erwachten, waren sie so überrascht von all den Herrlichkeiten, die ihnen schon beschrieben worden waren; ein jeder sah sich von lieblichen Mädchen umgeben, die sangen, spielten und sich durch die bezaubernsten Liebkosungen angenehm machten; auch wurde er von ihnen mit köstlichen Speisen und herrlichen Weinen be-dient, bis er ganz trunken von dem Übermaß des Vergnügens, inmitten der Bäche von Milch und Wein, sich wirklich im Paradies glaubte, und die gebotenen Freuden nur mit äußerstem Widerwillen verlassen hätte. Wenn nun vier oder fünf Tage auf diese Weise vergangen waren, wurden sie wieder in tiefen Schlaf versetzt, und aus dem Garten gebracht. Anschließend führte man sie vor den Fürsten, und sie antworteten auf dessen Frage, wo sie gewesen seien: "Im Paradies - durch die Gnade Eurer Hoheit!" Und angesichts des ganzen, voller Staunen und Neugier zuhörenden Hofes erzählten sie von ihren ungewöhnlichen Erlebnissen. Daraufhin wandte sich der Fürst an sie und sagte: "Wir haben die Versicherung unseres Propheten, daß der, welcher seinen Herrn verteidigt, ins Paradies kommen wird; wenn ihr also meinem Gebot folgt, und meinen Befehlen gehorsam seit, so wartet dieses glückliche Los euer." Begeistert über solche Worte, schätzten sich alle glücklich, die Befehle ihres Herrn ausführen und in seinem Dienst sterben zu dürfen. So geschah es, daß der Fürst, wenn irgendein benachbarter Herrscher sein Mißfallen erregte, diesen durch die von ihm erzogenen Meuchelmörder töten ließ, von denen keiner zögerte, sein eigenes Leben zu opfern, das er gering schätzte, wenn er nur seines Herrn Befehle ausführen konnte. Infolgedessen wurde die Schreckensherrschaft des Fürsten in allen Nachbarländern außerordentlich drückend empfunden. Aloeddin hatte auch zwei Statthalter, von denen der eine in Damaskus und der andere in Kurdistan residierte. Diese folgten seinem Beispiel und zogen die Jugend zu unbedingtem Gehorsam heran. So gab es keinen noch so mächtigen Herrscher, der dem Tod durch Meuchelmord hätte eingehen können, wenn er sich einmal die Feindschaft des Alten vom Berge zugezogen hatte. Da dessen Land aber im Reiche Ulaus, des Bruders des Großkans lag, und dieser von den entsetzlichen Taten hörte, sandte er im Jahre 1262 eine seiner Armeen aus, die den Fürsten in seiner Burg belagerte. Die Burg war so stark befestigt, daß sie drei Jahre standhielt. Endlich wurde Aloeddin durch Hungersnot gezwungen, sich zu ergeben, worauf ihn der Sieger hinrichten ließ. Die Burg aber wurde niedergerissen und der Paradiesgarten zerstört.


Seitdem haben sich die Forscher verschiedener Fachrichtungen mit der Geschichte der Assassinen beschäftigt, letzte Klarheit besteht allerdings nicht.

Bald nach dem Tode des Islam war der Islam tief gespalten in Sunniten und Shiiten und diese wiederum in mehre-re Richtungen und Sekten; hinter der Entwicklung dieser religiösen Auseinandersetzungen standen jedoch meist Machtkämpfe verschiedener Familien und Gruppen. Ein Zweig der Ismaiiliten, die ein Teil der Shiiten sind, waren die Assassinen. Sie waren aus den Kämpfen um das Kalifat Nazâr der Fatimiden in Ägypten hervorgegangen, der rechtmäßige Nachfolger unterlag seinem Bruder und der Armee, daraufhin mußten seine Anhänger nach Syrien oder Persien fliehen. In Hassan al-Sabbah entstand ihnen dort ein Führer, der in Zukunft ihre Geschicke leitete. Sie bewohnten in der Zeit von 1090 bis 1256 einige Täler im Elbursgebirge, vom heutigen Teheran aus 75km nord-östlich in Richtung auf das Kaspische Meer hin gelegen. In Alamut ("Adlernest"), einer gut gesicherten kleinen Festung, befand sich seit 1090 ihr Stammsitz und geistiger Mittelpunkt. Hassan al-Sabbah (der Alte vom Berge) scharte eine immer größer werdende Anzahl von Männern um sich, die bereit waren, für die Erfüllung der Ordensregeln und ihre Aufträge bis in den Tod zu gehen. Bei der Aufnahme soll der besagte Garten eine Rolle gespielt haben, der einschläfernde Trank nichts anderes als ein Haschischgetränk gewesen sein. Die wahre Lehre des Koran sah er in einem streng asketischen, das er selbst auch vorlebte. Ein hierarchischer aufgebauter Geheimbund war unter jenen geschichtlichen Bedingungen die Möglichkeit, diese Ziel durchzusetzen.

In den folgenden Jahrzehnten ließ er viel derjenigen Herrscher und geistlichen Oberhäupter, die den Zielen seiner Lehre entgegenstanden, aus dem Weg räumen. Die Assassinen oder anders bezeichnet die Nezaris brachten in bis dahin nicht gekannter Form den Terror des eiskalt ausgeführten politischen Mordes über die islamische Welt, auch mancher Kreuzfahrer fiel ihnen zum Opfer, und ihr Einfluß soll sogar bis an einige europäische Fürstenhofe gereicht haben. Dieser Umstand in Verbindung mit einer esoterischen Geheimlehre erzeugten natürlich ein unheimliches Grauen vor ihnen. Ihre geringe Anzahl machte sich in offenen Feldschlachten unterlegen, gegen Belagerungen waren sie aber durch die strategisch günstige Lage ihrer Burgen geschützt und die unmittelbare Umgebung war damals zur Selbstversorgung noch fruchtbar genug. Darüber hinaus soll bei derartigen Anlässen auch der gegnerische Generalstab durch Attentate bis zur Demoralisierung verhindert worden sein. Der Orden war aufgebaut nach dem Fingerprinzip: streng geführte kleine Gruppen (Finger-Hand) bei härtester Selbstdisziplin und unbedingter Gefolgschaft waren die organisatorische Grundlage, die in dieser Form von den Lehrlingen über verschiedene Stufe bis zum Großmeister fand dies seinen geistigen Ausdruck.

Als Hassan 1124 starb war der Orden schon stark und mächtig. Auf der Höhe ihres Erfolges besaßen sie ungefähr 60 Burgen im Elbursgebirge und hatten ihren direkten Einfluß durch Ableger auch auf Syrien ausweiten können. Die Taten dieser terroristischen Vereinigung versetzen damals die gesamte islamische Welt und auch Teile des Abendlandes in Angst und Schrecken.

Die nachfolgenden Oberhäupter verstrickten dann mit der Zeit den Orden immer mehr in offensichtliche machtpolitische Auseinandersetzungen und organisiertes Verbrechertum, vollzogen ideologische Kehrtwendungen und ließen so auf Dauer die Macht des Ordens verkommen. Der Sturm der Mongolen unter Huluga Khan im Jahre 1256 besiegte sie endgültig, und die Nachricht soll bei den Moslems ein Aufatmen ausgelöst haben. Die Nezari verschwanden von der Bühne der Weltgeschichte und hinterließen nur wenige Zeugnisse aus erster Hand: ihre Bibliothek wurde bei der Eroberung Alamuts ein Opfer der Flammen, 12.000 (wohl so ziemlich alle) kamen ums Leben, und die Wissenden waren verschwiegen, zumal sich ein derartiges Wissen auch nicht mit Worten vermitteln läßt.

In der englischen und in der französischen Sprache erinnern Vokabeln für Meuchelmorden weiter an sie (to assassinate bzw. Assassin), und auf Sizilien soll ihr organisatorischer Aufbau auf irgendeine Weise überlebt und in Gestalt der Mafia neue Blüten getrieben haben. Der Name der Assassinen ist von dem Wort "haschischin" abge-leitet und bedeutet Haschischleute. Die Verbindung ihres Namens mit dieser Rauschdroge hat gewiß die Haltung im Abendland ihr gegenüber in nicht unerheblichem Maße beeinflußt, jedoch ist bis heute nicht geklärt, was für eine Rolle das Haschisch bei ihnen gespielt hatte. Es wird behauptet, daß sie ihre Anschläge unter Drogeneinfluß verübt haben, es ist aber auch möglich, daß sie das Haschisch als sakrale Droge benutzt haben.

Wer sich mit den Nezaris noch etwas näher beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch von Rudolf Gelpke, Drogen und Seelenerweiterung und der Bericht der britischen Expedition "The Castles of the Assassins" (London 1963) - oder eine Reise zu den Ruinen.

 


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