Die Haschischküche


In Gegenden, wo der Hanf auch rituelle Bedeutung hatte oder wo er zumindest mystisch Verwendung hatte, wurde Cannabis zumeist nur geraucht - in Gegenden mit Anzeichen der ersten Säkularisierung in wenigen, typischen Speisen zu sich genommen. Typisch dafür ist in Indien das Bhang, wobei die Bhang-Butter (das "heilige Ghee", vergleichbar dem Butterextrakt der Marokkaner) bereits ausschließlich der Medizin und der Religion vorbehalten, als tabuisiert war. In Nordafrika nahm diese Stellung das Majoon (auch Majoun) ein; in der Form zubereitet, machten die Europäer mit Cannabis Bekanntschaft.


Mit dem Verlust der magischen Bedeutung wurde Cannabis in vielen Landstrichen zu einem gewöhnlichen Rauschmittel, das also veredelt werden kann. Damit war die eigentliche Haschischküche geboren. Die ältesten Rezepte stammen noch aus dem Bereich der Heilkunst, die ja zur Religion gehörte: der persische Dichter Firdusi gibt in seinem Königsbuch ein Rezept zu einer Wundsalbe, die bei einem königlichen Kaiserschnitt angewandt wurde, nämlich getrocknetes Marihuana in Milch und Moschus zerstoßen. Sehr bald schon wurde Cannabis zu verschiedenen Gerichten verarbeitet, wobei der nordafrikanische Raum die größte Phantasie entwickelte. In Amerika, vor allem Mexico, nahm der Peyotl bereits die religiöse Stellung ein, weshalb Cannabis von Anfang an als reines Genußmittel betrachtet wurde. Dementsprechend gibt es auch kaum spezifisch mexikanische Rezepte, es handelt sich vielmehr bei allen Rezepten um landesübliche Speisen mit Stoffzugabe.


Aus dem magischen Bereich kommen noch manche Rezepte, denen aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, sowie die Verbindung mancher Aphrodisiaka-Rezepte mit Cannabisgerichten.

Im Allgemeinen ist jedoch die Haschischküche ideologiefrei, also nahezu ausschließlich den irdischen Freuden zugetan. Gegessen wirkt Cannabis anders als im Joint, die breitere Körperwirkung entzieht dem Rauch den mystischen Höhenflug, obwohl es manche Gerichten an Wirkung getrost mit einem Trip aufnehmen können. Gerade hier aber liegen die Vorzüge der Haschischküche: sie ist einzig darauf ausgerichtet, mit so wenig Haschisch wie möglich maximale Wirkung zu erzielen. Weshalb das folgende High je nach Persönlichkeit erlebt werden kann.

Zunächst galt es, Gewürze zu finden, die steigernde Wirkung aufweisen. Als Favoriten blieben die Gewürznelke, Zimt, Pfeffer Piment und Muskat im Rennen. Fernerhin wurde bald die vervielfältigende Wirkung von Schokolade und Milchprodukten erkannt. Viele andere Gerichte verdanken ihr entstehen Gourmands, die bereits mit all diesen Grundregeln vertraut waren.


So gehen wir also nicht fehl in der Annahme, daß Omar des Zeltmachers Wein starker Shit-tee war, sowohl die Schriftzeichen, als auch das einmal angegebene Rezept lassen keinen anderen Schluß zu, zudem in dieser Zeit rigorose Muslims nicht nur Alkohol, sondern auch Cannabisgenuß verurteilten. Saadi und Hafis erwähnten wiederholt Cannabisgerichte, wobei man annehmen muß, daß es damals "Kochbücher" gegeben haben muß, beziehen sich doch alle Andeutungen auf gleiche oder ähnliche Gerichte.

Aus dem 14. Jahrhundert sind die ersten Haschischkochbücher bekannt, wobei allerdings nur eine gewisse Armut bei der Zusammenstellung auffällt. Solche Kochbücher wanderten durch Generationen, aber nur wenige Gerichte und Rezepte blieben populär. Die erste Niederschrift, die auch heute noch aktuelle Bedeutung hat, ist das legendäre Kochbuch der "Panama-Rose", offensichtlich einer lange in Algerien gewesene Französin, das erstmals 1845 in Paris erschien. Dort war allerdings die Haschischküche seit 1730 bekannt.

Die "Panama-Rose" enthielt ursprünglich nur zwölf Rezepte, die nahezu all auf Bhang oder Majoon basierten, und wurde erst dreißig Jahre später von anonymen Haschischins erweitert. Manche Rezepte enthielten Außerdem Dosierungen, die ausschließlich für Horror-trips geeignet sind.


In der Tat gingen die Europäer des 19. Jahrhunderts oft sehr unvorsichtig mit Haschisch um. So wurde auch Charles Baudelaire öfter in den "Club des Haschischins" geladen und gab seine Erinnerungen - um sie verkaufsfähig zu machen - in jenem reumütigen Damaskuston heraus, der damals en vogue war. So begann die allgemeine Verteufelungskampagne gegen Cannabis. Viele Europäer waren auch durch Greuelmeldungen, die seither von reumütigen, glücklich geretteten "Gestrauchelten" an vorderster Boulevardfront täglich über Haschisch verbreitet wurden, von ihrem Laster abzubringen und entwickelten eine europäische Variante der Haschischküche, wobei als bemerkenswerteste Entdeckung zu werten ist, daß frische Schlagsahne, über einen Löffelrücken an den Teerand in der Tasse gegossen, sowohl Wohlgeschmack als auch Wirkung bedeutend verstärkt. Die Anti-Cannabis-Welle rollte, vor allem angetrieben von Alkoholproduzenten. 1911 präsentierte die Firma Veuve Cliquot sogar einen besonders reumütigen Haschischin, der seine furchtbaren Bekenntnisse gerne verbreitete, bis ihm nachgewiesen wurde, daß er Haschisch noch nicht einmal gesehen habe sondern nur ein schlichter Angestellter eben jener Sektfirma war. Die Konvention von 1925 stellte "die Spitzen der Stengel der weiblichen Pflanzen der Cannabis sativa, getrocknet, in Blüte oder fruchttragend, aus denen das Harz nicht extrahiert wurde" unter internationale Kontrolle, jene von 1961 "die blühende oder fruchttragende Spitzen der Cannabis-Pflanze (Blätter und Körner, die nicht an der Spitze wachsen sind ausgenommen), deren Harz nicht extrahiert wurde, wie immer sie auch angewandt werden". Mittlerweile wurden die sogenannten Betäubungsmittel-Gesetzte in allen europäischen Ländern erheblich verschärft, die Grenzkontrollen werden immer undurchdringlicher. Die Hippies und Beatniks, unter denen wir heute die meisten Haschischraucher finden, entwickelten eine internationale Kultur, sowohl im Sprachgebrauch über die Droge, als auch in der Verfeinerung der Haschischküche. Eine eigen Form entwickelte sich aus der Haschischküche: die geheime Haschischküche. Ihre Rezepte sind so angelegt, daß keine Cannabisspuren erkennbar sind. Diese Rezepte sollen jedoch keinesfalls Ahnungslosen oder Cannabisfremden gegenüber angewandt werden, da jeder Mensch auf Hanf anders reagiert, und vor allem bei älteren und sehr mit abendländischen Traditionen verwurzelten Personen leicht Persöhnlichkeitsspaltung und Angstgefühle auftreten.


Das die Haschischküche ältere Tradition hat und vielleicht auch zur Erklärung mancher in der Bibel zitierter Phänomene dient, beweisen uralte Rezepturen ganz einfacher Art, die noch heute ebenso angewandt werden, wie ihr Name in die Vergangenheit weist - wie zum Beispiel "Nebukadnezars Traum".

Diese Rezepte wurden allerdings nie niedergeschrieben, man setzte ihre Kenntnis einfach als selbstverständlich voraus. Da die Wirkung bei vielen Gerichten die gleiche ist, hatten viel Landstriche nur ein einziges Cannabis-rezept. Daher gibt es vor der "Panama-Rose" auch keine wesentlichen Kochbücher. "Turner" sind anspruchslose Menschen. Die "Panama-Rose" selbst war eigentlich nur eine Zusammenfassung verschiedener Regionalspeisen, aber sie wurde das klassische und lange Zeit einzige Kochbuch. Erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts kamen neue Kochbücher heraus. Dennoch unterscheidet dieses Kochbuch von allen anderen, daß es keinerlei Ge-brauchsanleitung darstellen will und darf. Es soll einzig und allein der Information dienen, wie abnorm die Geschmacksnerven Rauschgiftsüchtiger sind.

 


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